Thiamin, Vitamin B1 oder Aneurin ist ein wasserlösliches Vitamin aus dem B-Komplex von schwachem, aber charakteristischem Geruch und ist insbesondere für die Funktion des Nervensystems unentbehrlich. Wird das Vitamin B1 für ca. 14 Tage dem Körper nicht mehr zugeführt, sind die Reserven zu 50 % aufgebraucht. Es wird im Volksmund auch Stimmungsvitamin genannt.
Aufgabe/Funktion Vitamin B1 in Lebensmitteln
Reich an Vitamin B1 sind z.B. Schweinefleisch, Leber, Vollkornprodukten, Kartoffel und Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen Erbsen).
Vitamin B1 in 100 g Lebensmittel:
Haferflocken: 0,65 mg
Weizenkeime: 2 mg
Kartoffel: 0,10 mg
Zucchini: 0,20 mg
Zuckermais: 0,15 mg
Bohnen, weiß: 0,50 mg
Erbsen: 0,76 mg
Sojabohnen: 1 mg
Makrele: 0,14 mg
Aal: 0,18 mg
Lachs: 0,18 mg
Ente: 0,30 mg
Schweinefleisch: 0,90 mg
Sonnenblumenkerne: 1,90 mg
Paranuss: 1,00 mg
Erdnuss: 0,90 mg
Thiamin (Vitamin B1) wird durch Hitze und Sauerstoff leicht zerstört, dadurch sind die Verluste bei der Nahrungszubereitung oftmals sehr hoch. Bereits bei üblicher Verarbeitung in der Küche kommt es zu Thiaminverlusten zwischen 20 und 40 %.
Thiamin wird im Darm über die Thiamintransporter 1 und 2 aufgenommen. Es existieren seltene erbliche Mangelkrankheiten dieser Proteine, die aber durch deren gegenseitige Redundanz in keinem Fall zu Thiaminmangel führen.
Thiamin selbst wird im Körper nicht verwendet. Mithilfe des Enzyms Thiaminpyrophosphokinase wird es zunächst zu Thiaminpyrophosphat (TPP, auch Thiamindiphosphat, TDP) umgewandelt. In dieser biologisch aktiven Form ist es Coenzym der Pyruvatdehydrogenase E1, der a-Ketoglutarat-Dehydrogenase und der Transketolase.
Verluste in Nahrungsmitteln
Thiamin ist hitzeempfindlich, es wird durch Kochen zerstört (zu ca. 40 %). Es ist wasserlöslich, dadurch geht beim Kochen in Wasser ein Teil ins Kochwasser verloren. In rohem Fisch und Farnen ist das Enzym Thiaminase enthalten, das Thiamin abbaut und somit vernichtet.
Der tägliche Bedarf an Vitamin B1 liegt zwischen 1,0 mg und 1,2 mg, wobei der Bedarf bei Männern leicht höher als bei Frauen ist. Beim Menschen hilft das Vitamin vor allem beim Kohlenhydratstoffwechsel. Eine Unterversorgung mit Vitamin B1 kann zur Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels und Nervensystems sowie zu Reizbarkeit, Depressionen, Müdigkeit, Sehstörungen und häufigen Kopfschmerzen führen. Vitamin B1 wird im Volksmund daher auch als "Stimmungsvitamin" bezeichnet. Eine Überdosierung bleibt in der Regel ohne Folgen.
Mangelerscheinungen (Hypovitaminose)
Symptome:
Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels und Nervensystems
Reizbarkeit und Depressionen
Müdigkeit, Sehstörungen, Appetitlosigkeit, Konzentrationsschwäche, Muskelatrophie
Blutarmut (Anämie)
häufige Kopfschmerzen
Gedächtnisstörungen (Korsakow-Syndrom), Verwirrungszustände
Herzversagen, Ödem, niedriger Blutdruck, Kurzatmigkeit
Verringerte Produktion von Antikörpern bei Infektionen
gestörte Energieproduktion
schwache Muskulatur (besonders die Wadenmuskulatur)
Krankheiten:
Mensch: Beriberi, Wernicke-Enzephalopathie
Tiere: Thiaminmangel-Enzephalopathie der Katze, Zerebrokortikalnekrose, Chastek-Paralyse
Folgen einer Überdosierung (Hypervitaminose)
Thiamin besitzt eine große therapeutische Breite. So zeigen tierexperimentelle Befunde bei Ratten, dass selbst eine 100fach über dem täglichen Bedarf liegende Dosis über drei Generationen ohne Nebenwirkungen vertragen wurde. Nach parenteraler Verabreichung (= Spritzentherapie) in den Muskel bzw. in die Vene wurden allerdings in Einzelfällen teils schwerste Überempfindlichkeits-Reaktionen bis hin zu Atemnot und Schockzuständen beschrieben. Wegen dieser allergischen Reaktionen sollte Vitamin B1 daher nur in Ausnahmefällen parenteral gegeben werden, orale Therapie der Wahl zur Vitamin B1-Substitution ist das fettlösliche und dadurch hervorragend gewebegängige Thiamin-Prodrug Benfotiamin.
Geschichte
1882: erkannte der Japaner Kanehiro Takaki, dass die schon um 2600 vor Chr. in China bekannte Beriberi-Krankheit durch zweckmäßige Ernährung (aus dem Vitamin-B-Bereich) geheilt werden kann.
1897: wies der Nobelpreisträger für Medizin/Physiologie (Nobelpreis 1929) Christiaan Eijkman Vitamin B1-Mangeleffekte durch das Füttern von poliertem Reis nach und zeigte, dass durch die Verfütterung der Silberhäutchen (Kleie) des Reises der Mangel behoben werden kann. Wegen seiner Wirkung auf die Nerven wurde es zunächst anti-polyneuritis factor genannt.
1910: entdeckte Umetaro Suzuki das Thiamin als er untersuchte warum Reiskleie Beriberi-Kranke heilte. Er nannte es erst aberic acid und später Oryzanin.
1926: wurde das Vitamin erstmalig von Jansen und Donath in kristalliner Form aus Reiskleie isoliert und als antineuritisches Vitamin (Aneurin) bezeichnet.
1932: erhielt es dann aber von Windaus wegen seines Schwefelgehaltes die Bezeichnung Thiamin, die heute der einzig zulässige Name ist.
1936: wurde die Struktur von Vitamin B1 etwa gleichzeitig von R. R. Williams und Grewe aufgeklärt. Die Synthese erfolgte durch R. R. Williams 1936 und von Andersag und Westphal 1937.
1952: entdeckte die japanische Forschergruppe um Fujiwara das fettlösliche Thiamin-Prodrug Benfotiamin, mit dem sich hohe Thiaminspiegel in den Zielorganen erreichen lassen.
Tipp:
Vitamin B1 ist sehr hitzeempfindlich und wird beim Kochen zu rund 40% zerstört. Da es wasserlöslich ist, geht es im Kochwasser zum Teil verloren. Lebensmittel die Vitamin B1 enthalten, sollten daher nur kurz gekocht oder erhitzt und wenn möglich roh verzehrt werden. Der tägliche Bedarf kann bereits durch 50 g Sonnenblumenkerne oder 120 g Schweinefleisch gedeckt werden.